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Pfarrer Kurt Wecker, Heimbach

Pfarrer Kurt Wecker wohnt in der Nachbarschaft der Heimbacher Salvatorkirche, in der eine Reliquie der heiligen Daria aufbewahrt wird.

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Aus der KirchenZeitung, Ausgabe 29/2013

Heilige Orte für eine diffuse Zeit

Pfarrer Kurt Wecker, zuständig für Wallfahrtspastoral im Bistum Aachen, über Pilgern und Reliquienkult

Die Wallfahrtsoktaven haben in diesen Tagen – profan ausgedrückt – „Hochkonjunktur“. Was macht auch nach 2000 Jahren Kirchengeschichte die Faszination des Pilgerns und des Reliquienkultes aus? Der Heimbacher Pfarrer Kurt Wecker, Beauftragter für Wallfahrtspastoral im Bistum Aachen, gibt Antworten.

Wie sehen Sie die Aussage: Eine Pilgerfahrt – einst frommer Antrieb, heute mehr ein „Event“?

Man kann nicht in die Menschen hineinschauen, die inneren Beweggründe ausloten, warum sie sich in Bewegung setzen. Heute ist Pilgern ein weites Feld, auch eine „sportliche Spiritualität“, in dem sich sinnvolle Freizeitbeschäftigung mit einer geistlichen Konzentrationsübung verbindet. Ein wenig Ablenkung (auch von mir selbst und meinen kreisenden Selbstbewegungen) und zugleich ein „Spiel“ voller Konzentration – beides gehört zusammen, auch die Lust an der Bewegung und an der Welt. In Aachen die Heiligtumsfahrt 2014, das wird sicher auch ein „Event“ werden – aber das war es auch schon im Mittelalter.   

Wie wichtig ist beim Pilgern die Gemeinschaft Gleichgesinnter?

Ich glaube, dass es in unseren Pilgergruppen manche Menschen gibt, die sonst nicht beten können oder bestimmte Lieder allein für sich nicht singen und sich beim Rosenkranz schwer tun. Aber wenn es der andere tut, stützen sie sich daran. Das mitreißende Gebet des anderen hilft mir weiter, löst mir die Zunge und motiviert. Pilgern ist etwas Generationsübergreifendes. Das Bild, mit dem wir  Mutter Anna von Düren verehren – „Anna Selbdritt“ –  spiegelt sich in einer  Wallfahrtsgruppe und damit auch einer manchmal „idealen“ Kirche wider. Menschen tun etwas, wozu sonst zu wenig Zeit bliebt: Singen, sich öffentlich als „Bekenntnisgruppe“ und Träger einer Botschaft zeigen, und das unaufdringlich. Wir zeigen uns und zeigen, was uns wichtig ist. Bedeutungsvolle Zeichen des Glaubens, das sind nicht nur Reliquien, der heilige Rest gelungenen Lebens, sondern auch wir selbst als glaubende Körperschaft auf einem bestimmten, „geosteten“ Weg.

Apropos Reliquien: Hat es einen Wandel gegeben, von der Magie zum Zeichen gelebten Glaubens und gelebter Überzeugung, die als Inspiration im Alltag trägt?

Ich glaube, dass wir diese Vergeistigung der Reliquienverehrung in Mitteleuropa voraussetzen können, auch wenn die Sehnsucht bleibt, mit seinem eigenen Finger in Kontakt zu kommen mit dem Besonderen. Darin wird das Verlangen nach der Fassbarkeit, nach der Konkretisierung des Glaubens spürbar. Er wird geerdet und ist nichts Diffuses, Unsichtbares, ist keine Einbildung. Mit dem Ausstrecken der Hand zu fühlen, dass es Menschen gab, die keine Phantasieprodukte der Kirche sind, die nicht über den Dingen schweben, die einen richtigen Körper hatten und von denen eine Spur eines heiliges Leben bleibt – damit schlagen die Gläubigen selbst die Brücke zu dieser Hoffnungsgestalt.

Die Brücke schlagen – ist dies die Chance den Glauben im Heute zu aktualisieren?

Das ist die Herausforderung an die Prediger und an die Gemeinden, die „Hüter“ der Reliquien oder Gnadenbilder sind. Reliquien sind nicht isoliert ohne eine Geschichte oder eine Erzählung zu verstehen, sie sind eingebettet auch in das liturgische Geschehen, in die Eucharistiefeier. Da muss eine Brücke geschlagen werden, die deutlich macht, Reliquienfrömmigkeit ist keine Dingmagie, sondern „hinter“ den manchmal unansehnlichen Zeichen steht ein Mensch mit einem gelungenen Leben. Und die Jesusreliquien lassen wortlos  den „eingefleischten“ Gott ahnen. Dahinter steht das Vertrauen in die Verheißung, dass Gott uns mit Leib und Seele, mit Haaren und Knochen, liebt und, dass die Gemeinschaft der Toten und Lebenden von Gott her untrennbar ist. Die Heiligen verkörpern ein Leben, das übersprudelt – auch in die Gegenwart.

Warum sind Wallfahrten für Gläubige heute wichtig?

Natürlich möchte die Kirche zeigen, was ihr lieb ist – und diesen Schatz auch von Zeit zu Zeit beinahe spielerisch verbergen und enthüllen So hat die Kirche auch besondere Treffpunkte, Orte, von denen „etwas“ ausgeht. Zum Beispiel das Kopf-Reliquiar der hl. Anna von Düren. In ihm ist etwa ganz Unscheinbares, ein in den Augen der Welt „Wertloses“ und Merkwürdiges,  versteckt, das eigentlich keine Reise lohnt. Aber man glaubt, dass in diesen Zeichen der Endlichkeit viel an Geschichte und Hoffnungspotenzial steckt, dass auf diesen Zeichen Gebete und Klagen „kleben“, sich unsere Sehnsucht „materialisiert“. Wir brauchen in unserer diffusen Zeit heilige Treffpunkte und Haftpunkte unserer Blicke, gerade weil sie sehr spröde sind und äußerlich gesehen wertlos scheinen.

Sie nennen Reliquien „ die Erdung der Kirche“.

Reliquien von Heiligen sind nichts „Tolles“, es sind keine vollkommenen Kunstwerke, sondern sehr bescheiden, armselig, gebrochen. Sie erinnern an Menschen, die Haken und Grenzen, Ecken und Kanten hatten. Es ist wichtig, dass unser Menschenbild nicht hingeht auf einen Geniekult, die „fromme Persönlichkeit“. Es geht darum, dass wir die Menschlichkeit der Kirche aushalten und die Menschlichkeit Gottes lieb haben.


Von Dorothée Schenk

Veröffentlicht am 23.07.2013

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