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Kirchenzeitung begleitete Schwester Vanessa aus Jülich bei ihrer Tagestour

Gemeinsames Lachen ist die beste Pflege.

Vollbild

 
 

 

Aus der KirchenZeitung, Ausgabe 20/2013

Mit Engelsflügeln im Pflegeeinsatz

Schwester Vanessa hat 8,5 Minuten Zeit für jeden Besuch

„Hallo-o, hier ist Schwester Vanessa – guten Abend!“ Einen fröhlichen Gruß, einen freundlichen Blick und eine liebevolle Geste bringt die 23-jährige Altenpflegerin zu ihren „Kunden“ mit. So viel Zeit muss sein.

 Dabei ist gerade Zeit bei Vanessa Scherer vom Ambulanten Pflegedienst des Caritasverbandes Düren–Jülich knapp. 28 Hausbesuche hat sie bei diesem Spätdienst auf der Liste stehen. Statistisch gesehen sind das in der regulären Dienstzeit zwischen 16 und 20 Uhr etwa 8,5 Minuten pro „Kunde“ – inklusive Fahrtzeit. Das lässt die engagierte Dienstleisterin die Menschen nie spüren. Die Uhr tickt nur im Kopf. So lange die gelernte Kinderkrankenschwester Vanessa in den vier Wänden der Senioren ist, scheint sie entspannt und alle Zeit der Welt zu haben. Dass es manchmal auch 23 Uhr werden kann, gehört zum Alltag. „Das tolle an der Pflege ist: Es ist immer wieder neu. Man weiß nie, was einen erwartet.“ Aus den Worten spricht echte Begeisterung.
„Tanzen Sie mit mir“, fordert sie die Bettlägerige auf, der sie an diesem Abend auf den Toilettenstuhl hilft. Rechter Fuß, linker Fuß, Wiegeschritt. Die alte Frau, deren Mann seit einer Beinamputation an den Rollstuhl gefesselt ist, wirkt erschöpft. Schon das Hinsetzen zur Stabilisierung des Kreislaufs ist ein Kraftakt. „Beine durchdrücken und auf drei.“ Bis die Patientin wieder aufs Bettlager gebracht wird, füllt Vanessa Scherer die Dokumente aus und beantwortet die Fragen des Mannes: „Machen Sie auch Frühstück?“ Eine Frage, die Otto Normalbürger irritiert, begegnet die Schwester mit erfahrener Gelassenheit. Sie weiß, dass nicht sie selbst, sondern die Service-Leistungen der Caritas gemeint sind.


Fachwissen, Flexibilität und Eigenverantwortung für 9,12 €

Zum Fachwissen über medizinische Versorgung und Medikamente gehören in der dreijährigen Berufsausbildung viel Psychologie und Soziologie als Unterrichtstoff. Nicht auf dem Lehrplan steht das hohe Maß an Eigenverantwortung, Flexibilität in Hand und Hirn sowie Kreativität, die unabdingbar für die ambulante Altenpflege sind.
Im Laufschritt zum weißen Auto zurück, an dem das Fähnchen „Hilfe! Mehr Zeit für Pflege“ weht. Ein Hinweis auf die Kampagne, die von den Wohlfahrtsverbänden in ganz NRW initiiert ist, um darauf hinzuweisen, dass Leistungsvergütungen ab 9,12 Euro etwa für das Ausziehen von Kompressionsstümpfen – natürlich inklusive des Anziehens von frischen Strümpfen – in der Leistungsgruppe 1 nach SGB V im Krankenkassenvertrag pro Besuch einfach nicht ausreichen (siehe Kasten). An diesem Abend leistet Schwester Vanessa viermal diesen 9,12-Euro-Dienst. Das heißt: „reinfliegen“, Strümpfe wechseln und weiter. Bedauernd zuckt die Altenpflegerin die Schultern. Gerne würde sie bei manchen Kunden mehr Zeit haben für ein persönliches Gespräch. „Ich höre gerne die Lebensgeschichten der älteren Menschen und ich erzähle ihnen von meinen Erlebnissen.“ Das ist wie frischer Luftzug im Haus, ein Fenster zur Welt, eine Beteiligung am Leben.



„Beim Ambulanten Pflegedienst lernst du Autofahren“

Die Wangen sind gerötet und stehen in freundlichem Einklang zum zart-rosa Kittel und den markant pinkfarbenen Schuhe. Atempausen legt Schwester Vanessa während der Fahrt ein. „Dann habe ich Zeit, runterzukommen, nachzudenken und mich auf den nächsten Kunden vorzubereiten.“ Pro Tag 65 Kilometer ist die Altenpflegerin unterwegs zwischen Jülich, Welldorf, Koslar und sogar bis nach Siersdorf und Schleiden. Bei Doppelschichten werden es auch schon mal 100 Kilometer. „Beim Ambulanten Dienst lernst du Autofahren“, lacht die Altenpflegerin. Zweimal ist sie schon wegen zu schnellen Fahrens angehalten worden, sagt sie. Auch heute ist der Zeitplan nicht akkurat einzuhalten: Auf dem Weg zu den fixen Anlaufstellen klingelt immer wieder das Telefon, darunter zwei Absagen. Ganz plötzlich sind Menschen ins Krankenhaus gekommen. Schwester Vanessa verschafft das unverhofft Luft, denn bei einem Arzt muss zusätzlich eine Verordnung abgeholt werden, die eine demente Patientin noch unterschreiben soll.
Routiniert greift Schwester Vanessa in die Spenderbox mit den sterilen Einweghandschuhen. Sie weiß, dass beim nächsten Termin Intimpflege ansteht. Zu dieser Kundin kommt sie zum ersten Mal. Die Navigations-App im Smartphone hat ihr den Weg gewiesen. Der Mann steht schon in der Türe, er hat gewartet. „Wer sind Sie?“ fragt er freundlich aber reserviert. Schwester Vanessa stellt sich vor und gewinnt mit einem Lächeln Vertrauen und Anteilnahme. Während sie die Frau wäscht, umzieht und Medikamente vorbereitet, kommen die drei ins Plaudern. Wo sie herkomme, will der Mann wissen. „Aus Eschweiler.“ „Wie kommen Sie denn da hierher?“, fragt er staunend. Die Altenpflegerin grinst, zwinkert und sagt: „Mit Engelsflügeln.“

 

Hintergrund

Forderung nach Einlenken der Krankenkassen mit großem Autocorso in Fahrt gebracht

„Hilfe! Mehr Zeit für Pflege!“ forderten in der Region Düren neben der Caritas auch Awo, Paritätischer Wohlfahrtsverband, Rotes Kreuz und Diakonie in der 13-tägigen Kampagne. In den nächsten 10 bis 20 Jahren werden bundesweit 200000 Pflegekräfte fehlen; aktuell sind es bereits 20000. Zeit, um zügig das Image des Altenpflegers zu verbessern. Das soll einerseits über die Köpfe der Menschen geschehen, andererseits über die Vergütung. In zehn Jahren haben die Krankenkassen die Vergütung um sieben Prozent erhöht. „Das fängt die Inflationsrate nicht auf und schon gar nicht die Lohnkostensteigerung“, erklärt Rudolf Stellmach, Fachbereichsleiter des Caritasverbandes.  Pflege wird nicht pro Stunde, sondern pro Leistung abgerechnet (s. o.). Während ein Handwerker rund 80 Euro pro Stunde plus Fahrtkosten berechnet, bleiben in der Pflege derzeit 30 bis 35 Euro Stundenlohn übrige – nicht eingerechnet die Fahrt und die Verwaltungskräfte. Um die Kosten zu decken, wären etwa 60 Euro Stundenlohn angemessen, sagt Fachbereichsleiter Stellmach. Mit einem Autocorso durch die Dürener City machten die Betroffenen auf die Missstände aufmerksam und bekräftigen ihre Forderungen an die Krankenkassen.


Von Dorothée Schenk

Veröffentlicht am 16.05.2013

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