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Expertinnen in der Hospiz- und Palliativversorgung nehmen zu den neuen Gesetzen Stellung

Auf vier Säulen ruht die Hospizarbeit, symbolisch stehen dafür (v. l.) Monika Ecker, Gerda Graf, Monika Knoben und Bettina Klinkhammer.

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Aus der KirchenZeitung, Ausgabe 47/2015

Geborgen sein bis zum Schluss

Das neue Hospiz- und Palliativgesetz sichert Sterbenskranken Pflege und Zuwendung aller Disziplinen

Jüngst verabschiedete die Bundesregierung das neue Hospiz- und Palliativgesetz. Gerda Graf, Ehrenvorsitzende des Deutschen Hospiz- und Palliativverbandes sowie Geschäftsführerin des Sophienhofes in Niederzier, setzt sich seit 30 Jahren für Schwerstkranke und Sterbende ein und nimmt Stellung dazu.

Die Gesetzesänderung – längst überfällig?

Gerda Graf: Ich gehöre ja zu den Pionieren der Hospizarbeit. Aus meiner Zeit als Vorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft Hospiz, heute heißt sie Deutscher Hospiz- und Palliativverband, erinnere ich mich an die ersten Zusammentreffen mit der Interessenvertretung der Kranken- und Pflegekassen (GKV) und der Politik. Es ging darum, wie wir politisch wirksam werden könnten. Schon damals wurde gesagt, dass wir ein Hospiz- gesetz bräuchten. Das ist jetzt genau 30 Jahre her.

 

Was war die Motivation, die Hospizbewegung anzustoßen?

Gerda Graf: In meiner Ausbildung in der Pflege 1972/73 wurden die Sterbenskranken ins Badezimmer abgeschoben, weil man ja nichts mehr für sie tun konnte. Da gab es keine Visite mehr. Das war genau der Punkt, wo die Bürgerbewegung Hospiz aufgestanden ist und gesagt hat: Stopp, wie gehen wir denn mit diesen Menschen um? Was politisch Aufsehen erregte war, dass es eine Bürgerbewegung gab, die sich für Sterbenskranke eingesetzt hat. Es waren damals nicht die Kirchen. Der neuzeitliche Hospizgedanke geht von der Engländerin Cicely Saunders aus. Das Interessante an dieser Frau ist und war, dass sie Ärztin, Sozialarbeiterin und Pflegekraft war. So wundert es nicht, dass die Hospizidee auf vier Säulen beruht: Palliative Medizin, palliative Pflege, spirituelle Begleitung und psychosoziale Begleitung.

 

Gibt es eine Ausbildung für Hospizmitarbeiter?

Gerda Graf: Es gibt für die Ehrenamtler einen Befähigungskurs von 100 Stunden. Wir sprechen bewusst nicht von Ausbildung. Was wir hospizliche Haltung nennen, wohnt eigentlich dem Menschen inne. Es ist uns vielleicht an verschiedenen Stellen abhanden gekommen. Wir müssen es wieder kultivieren. Das zweite ist die 160-stündige Fortbildung für Pflegekräfte, analog für Mediziner und Seelsorger. Sie kapriziert sich auf die Fragen: Wie gehen wir mit Schmerzen, wie gehen wir mit anderen therapeutischen Formen um? Das größte Problem ist im Grunde, dass Mediziner und Pflegekräfte lernen, dass es gilt, ein Organ wieder herzustellen, einen Defekt zu reparieren, während wir im Palliativ-Care-Kontext sagen: Hier geht es nicht um Mobilisieren und Wiederherstellen, hier geht es nur noch darum, Leiden zu lindern. Sie könnten fast im biblischen Kontext sagen: „Was willst Du, Mensch, das ich Dir tue?“ Ich glaube, das ist die Grundhaltung, die Hospiz mit sich bringt.

 

Was bringt die Gesetzesänderung für die Zukunft der Hospiz-Arbeit?

Gerda Graf: Für die Zukunft wird sie den Sterbenskranken bringen, dass es einen gesetzlichen Auftrag gibt, dass sie umsorgt werden. Und es gibt auch einen gesetzlichen Auftrag, und das ist relativ neu, der interdisziplinären Zusammenarbeit: Medizin, Pflege, Seelsorge und Soziale Arbeit müssen lernen, zusammenzuarbeiten. Es gilt nicht mehr, fragmentarisch einen Arbeitsbereich zu sehen, sondern gemeinsam zu gucken, was es braucht, und dementsprechend zu handeln. Das ist in meinen Augen das Höchste, was Hospiz bisher erreicht hat, dass es diesen polylogen Prozess angeschoben hat. Wenn es gelingt, dass dieser Gedanke im Krankenhaus, in Pflegeheimen, zu Hause wirksam wird, braucht es die Bürgerbewegung Hospiz nicht mehr.

 

Das wäre das konkrete Ziel von Hospiz. Was waren die größten Rückschläge?

Gerda Graf: Das war eigentlich immer das Aufeinandertreffen mit Menschen aus der Schweiz oder aus Holland, wo der assistierte Suizid oder sogar noch mehr vertreten wird. Die Hospizbewegung sagt nicht, dass es nicht möglicherweise auch ein unendliches Leid gibt. Das wäre vermessen. Aber ich habe in den letzten 40 Jahren, in denen ich Menschen begleite, immer das Gefühl gehabt, wenn wir diese Vielfalt anbieten, verschwindet der Ruf nach aktiver Sterbehilfe. Und das ist auch so. Die Menschen brauchen das Geborgensein bis zum Schluss. Wenn ich heute mit Menschen Patientenverfügungen mache und frage: „Wovor haben Sie am meisten Angst?“, heißt es: „vor Einsamkeit“. Früher waren es Schmerzen. Ich weiß nicht, welcher Schmerz schlimmer ist.

 

Im Dezember gehen Sie in Ruhestand. Wohin führt Ihr Weg Sie dann?

Gerda Graf: Auf dem Hospizgedanken aufbauend, haben wir für den Kreis Düren ein neues Projekt implementiert, in dem es um Sorgekultur und Verantwortungskultur für die gesamte Gesellschaft geht. Wir treffen uns mit Unternehmern, Schülern, Ehrenamtlern, alten Menschen, mit Medizinern und fragen nach ethischen Dilemmata. Am 20. Januar stellen wir in der Marienkirche das Projekt vor. Ich hoffe, dass es landes- und bundesweit Früchte trägt – so ähnlich wie die Hospizbewegung.

Das Gespräch führte Dorothée Schenk.


Veröffentlicht am 18.11.2015

 
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